Kunst in München

Der Text enstand zum Katalog works 06-08 im Januar 09

Die Frage ist vermutlich doch: „Was ist ein Bild?“

Der Ursprung des Wortes Bild liegt laut Duden(1) in der althochdeutschen Form „bilidi“ und bedeutet soviel wie Nachbildung oder Abbild. Weiter wird die Definition in drei Bereiche einer medialen Beschreibung, die ihrerseits wieder unterteilt ist, sowie den beiden Kategorien
„Anblick, Ansicht“ und „Vorstellung, Eindruck“ unterteilt. Diese Unterscheidungskriterien lassen sich in der Literatur häufig wieder finden. Beispielsweise unterscheidet K. Lüdeking Bilder, die intentional hergestellt werden und Bilder die als notwendiges Resultat von Naturprozessen entstehen(2). Ersteres sind beispielsweise alle Formen einer manuellen, absichtsvollen Herstellung, während zweites ein Schattenwurf oder eine Spiegelung sein kann, also einer unabänderlichen
Zwangsläufigkeit der Natur unterliegt. Er nennt diese Formen „hergestellt“ und „verursacht“. Daraus folgernd unterscheidet Lüdeking zwischen Bildkünsten, welche Verfahren zur Erzeugung visueller Zeichen sind, und Bildmedien, welche Verfahren zur Speicherung oder Übertragung optischer Phänomene sind. Diesem Schema lassen sich auch digitale Bilder zuordnen, da die digitale Codierung keine bildspezifische sondern eine universell einsetzbare Technik
ist und sie somit keine neue Bildfunktion erstellen kann. Betrachtet man die Entwicklung des Bildes, findet man die ersten vom Menschen erstellten Zeichen in den Höhlenmalerein der Steinzeit. Welche Bedeutung diese Bilder für den steinzeitlichen Schöpfer oder Betrachter hatten, kann heute lediglich vermutet und nicht mehr vollständig geklärt werden. Vier wichtige Thesen zu der Funktion der Bilder lassen sich finden. Eine Theorie weist das Bild als Jagdzauber aus, eine weitere als Fruchtbarkeitszauber. In der Tat sind in erster Linie Tierdarstellungen bekannt, während menschliche Wesen kaum abgebildet sind. Verwunderlich ist, dass häufig Tierarten auf den Stein gemalt sind, von denen man annimmt, dass sie in dieser Gegend nicht, bzw. nicht als Hauptnahrungsquelle, vorkamen. Es wäre möglich, dass diese Bilder zur Darstellung von eigener Macht und Herkunft geschaffen wurden, vergleichbar etwa mit den Löwenjagdbildern des Barock. Eine Theorie vertritt darauf aufbauend den Standpunkt, dass über diese Bilder eine Art Herkunftsgeschichte erzählt wurde. Jede Gesellschaftsform des Menschen entwickelt einen Herkunftsmythos. Es kann vermutet werden, dass die Tiere als Symbole verwendet wurden, die beispielsweise für verwandtschaftliche Beziehungen gestanden haben könnten. Ein vierter
wichtiger Ansatz erklärt die Höhlenbilder als eine Form das Totemismus, in dem über den Akt des Malens die Eigenschaften des Tieres auf den Menschen übergehen sollten. Die Frage, welche Funktion diese ersten Bilder tatsächlich hatten, oder ob sie unterschiedliche Funktionen erfüllten, kann mit Mitteln der heutigen Forschung nicht abschließend geklärt werden. Klar wird aber hier bereits, dass „Bild“ nicht abhängig ist von dem verwendeten Medium, sondern als Form visueller Kommunikation immer einen bestimmten Zweck, eine Aussage verfolgt, und sei es diese(n) zu leugnen. Der Begriff „Bild“ an sich ist bezüglich seines Inhalts völlig wertfrei. In Zeiten, da das Erstellen eines Bildes jedem binnen Sekunden mittels verschiedenster Werkzeuge möglich ist, wird die zugrunde liegende Intention des Schöpfers wichtig. Hier komme ich auf den Begriff der „Kunst“. „Kunst“ ist nicht gleich zu setzen mit „Bild“. Diese Einschätzung führt auf eine sprachliche Ungenauigkeit zurück, denn auch Literatur oder Musik ist „Kunst“. Wenn einzig und allein das
Bild im Mittelpunkt des Schaffens steht, handelt es sich also um „Bildkunst“. Spätestens seit den frühen Avantgarden des 20. Jahrhunderts, welche Bilder als Texte und Texte als Bilder nutzten, sowie die Musik in der Vorstellung des synästhetischen Kunstwerks einbezogen, darf der Sinn einer Gliederung der Kunst nach ihren Techniken als fraglich gelten. Kunst darf als Mittel zur Untersuchung der Realität gesehen werden mit dem Ziel, eine Form neuer Erkenntnis zu schaffen.
Dabei bedient sie sich bestimmter künstlerischer Methoden, wie beispielsweise dem Erzeugen von Bildern. „Kunst“ und „Bildkunst“ haben also eine gemeinsame Schnittmenge. Der Fokus meiner Arbeit liegt deshalb auf der Auseinandersetzung mit digitalen Bildern im Feld „Kunst“, sowie auf der Untersuchung des Herstellers – des Künstlers.
Weiter ist einem Bild bzw. einem Kunstwerk ein Wert zuzuschreiben. Dieser spezifische Wert sinkt mit der Möglichkeit seiner Vervielfältigung und seiner permanenten Verfügbarkeit v.a. auch mittels des Internets. W. Benjamin sieht den Wert des Kunstwerks in seinem originären Gebrauch im Ritual begründet(3). Mit der zunehmenden Möglichkeit der Reproduktion verliert das Bild einerseits an Wert, erfährt andererseits aber einen Machtgewinn. Führt man sich vor Augen, mit welcher Bildintensität beispielsweise der amerikanische Wahlkampf 2008 ausgefochten wurde, ist die Bedeutung, die man den Bildern zuspricht, offensichtlich. Der Erkenntnis, welche Macht in der Vervielfältigung der Bilder ruht, ist die stetige Entwicklung der Verfahren zur Reproduktion von frühen Druckverfahren, wie vom Holzschnitt über die Fotografie zum heutigen digitalen Bild, geschuldet. Ursprünglich war das „Bild“ immer zweidimensional angelegt. In der jüngeren Kunstgeschichte gab und gibt es häufig Versuche, das Bild in den Raum auszudehnen. Dieses Bildverständnis ist nicht zuletzt der Entmaterialisierung des Bildes durch die „Neuen Medien“ zu verdanken. Parallel zur räumlichen Neubewertung wird durch die Möglichkeiten des bewegten Bildes die Dimension „Zeit“ in Frage gestellt. Es lässt sich also festhalten, dass sich „Bild“ durch seine Funktionen des Darstellens und der Vermittlung von Inhalt auszeichnet, sowie durch seinen spezifischen materiellen oder ideellen Wert. Die Loslösung des Bildes von einem Träger fordert ein neues Ausloten dessen, was „Bild“ ist oder sein soll, durch die Künstler heraus.

(1) http://www.duden-suche.de/suche/artikel.
(2) Lüdeking, K.: Pixelmalerei und virtuelle Fotografie: Zwölf Thesen zum ontologischen Status von digital codierten Bildern. In Bild-Medium-Kunst. München,
(3) Vgl. Benjamin, W.: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt, 1977 1999php?shortname=fx&artikel_id=20779. 15.3.2008

 

 

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